Freiheit als Chance und NotwendigkeitLiebe Freundinnen und Freunde der ZEIT-Stiftung, leider war es mir nicht vergönnt, die Stifter Gerd und Ebelin Bucerius persönlich kennenzulernen. Aber von Manfred Lahnstein, meinem Vorgänger als Vorsitzendem des Kuratoriums der ZEIT-Stiftung, weiß ich über Gerd Bucerius: Er war vom Freiheitswillen besessen, getrieben von der Idee, Freiheit als Chance und Notwendigkeit zu-gleich in unserer Lebenswirklichkeit zu verankern.50 Jahre sind seit der Gründung der ZEIT-Stiftung ver-gangen – das Leitmotiv von Gerd Bucerius ist aktueller denn je. Denn „Freiheit“ steht unter Druck: durch Popu-lismus und Nationalismus, durch Sprachdiktate und die Aufgeregtheit in den sozialen Medien. Und nicht zuletzt auch durch die Coronakrise: die Einschränkung der indi-viduellen Freiheit zum Wohle aller, die Hilflosigkeit ange-sichts des staatlichen Versagens beim Kampf gegen die Pandemie.Dem entgegenzustehen, der Bedeutung von Freiheit und ihrer Bedingtheit mit Verantwortung immer wieder eine Bühne zu geben, ist unsere Interpretation der Moti-ve, die Gerd und Ebelin Bucerius zur Gründung der Stif-tung geführt haben. Deswegen zieht sich dieser Leitgedanke auch durch alle unsere Programme und Initiativen. Immer mit der Idee, eine „doppelte Wirkung“ zu errei-chen: An der Bucerius Law School nicht nur eine Benchmark für eine exzellente Juris-tenausbildung zu setzen, sondern Juristen und Juristinnen auszubilden, die gelernt haben, über den Tellerrand zu schauen. Im Bucerius Kunst Forum nicht nur „schöne Künste“ auszustellen, sondern Frei-Räume zu schaffen, die zum Vordenken und – auch wenn (oder weil) dieser Begriff gera-de missbraucht wird – zum Querdenken anregen. In unseren Governance-Program-men nicht nur Eliten zusammenzubringen, sondern talentierte (junge) Menschen für Freiheit und Verantwortung zu begeistern. Mit unserem Programm WEICHENSTELLUNG nicht nur Bildung zu för-dern, sondern die Grenzen der sozialen Herkunft zu sprengen. Denn zur Freiheit gehört auch Fairness! Die ZEIT-Stiftung gehört heute zu den renommiertesten Stiftungen in Deutschland. Das macht uns stolz – und ist ein Grund, aufrichtig Danke zu sagen: im Gedenken an die Stifter; an meine Kolleginnen und Kollegen aus dem Kuratorium für das Bemühen, die Ziele und Motive der Gründer immer wieder neu zu interpretieren und mit Leben zu füllen; an das Team der ZEIT-Stiftung für die kreative und beharrliche Entwicklung und Umsetzung unserer Themen; an unsere Alumni, alle Partnerinnen und Freunde, die wesentlich daran mitarbeiten, die Ideen der ZEIT-Stiftung in die Gesellschaft zu tragen.Das Erreichte ist für uns auch Ansporn, nicht nachzulas-sen. Gerade jetzt nicht! Wenn Freiheit unter Druck steht, reicht es nicht mehr, Räume zum Vor- und Nachdenken zu schaffen. Wenn vermeintlich einfache Wahrheiten oder Lösungen um sich greifen, gilt es, Position zu bezie-hen, „klare Kante“ zu zeigen, Zukunftsbilder zu entwi-ckeln und Formate zu testen, um (noch) mehr Wirkung zu erzielen.Stiftungen sind dafür genau der richtige Ort. Weil sie sich weitgehend unabhängig von äußeren Zwängen beharrlich entfalten und mit Nachdruck der Entwicklung ihrer Themen widmen können. Sie haben die Freiheit, um die es hier geht. Die Freiheit, gegen den Mainstream zu argumentieren, unbequeme Wahrheiten auszusprechen, Stellung zu beziehen. In der Hoffnung, da-mit einen Diskurs anzustoßen, der zu bes-seren Einsichten führt. Anders gesagt: Sie können meinungsstark und streitbar sein – wie es unsere Stifter zuweilen auch waren.Vielen Dank für Ihre Arbeit, Ihre Ideen und Ihre Unterstützung!PROF. DR. BURKHARD SCHWENKERVorsitzender des Kuratoriums der ZEIT-StiftungFOTO: ULRICH PERREY; FOTO UMSCHLAG: PRIVATEditorial3
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