71971 – 2021 · EINE CHRONIKZeitgenossen schilderten Gerd Bucerius, den promovierten Juristen, als einen unruhigen Geist, einen unter Spannung stehenden Menschen, der das 20. Jahr-hundert durchlebte. Geboren 1906 im Kaiserreich, studierend in der Weimarer Repu-blik, die NS-Zeit als Rechtsanwalt überstehend, die Nachkriegszeit als Politiker und Verleger erprobend, traf der Presse-Unternehmer in der Bundesrepublik die richti-gen Entscheidungen, die ihn schließlich zu einem wohlhabenden Mann gemacht ha-ben, wie er es in seinem letzten Lebensjahrzehnt nannte. In den achtziger Lebens-jahren weitete er sein Stiftungsengagement aus, blieb aber Verleger bis zu seinem Tod.Nach seinem sechzigsten Lebensjahr beschäftigt sich Bucerius mit dem Ge-danken, nach seiner Politiker- und mitten in der Verlegerkarriere eine Stiftung ins Leben zu rufen. Einen ersten Kontakt zum Stifterverband für die Deutsche Wis-senschaft gibt es im Jahr 1967. Bucerius sucht nach einem Modell, um Gemeinnüt-zigkeit und Geschäft zu verbinden. Am 2. November 1971 begründet Gerd Bucerius das Stiftungsgeschäft. Der Hamburger Senat bestätigt nach beinahe zweijährigen Verhandlungen die Satzung mit Dienstsiegel vom 15. Dezember 1971. Die beiden Vorstände, Bucerius und der Verlags-Geschäftsführer Wilhelm Güssefeld, suchen im Verlauf des folgenden Jahres das erste Kuratorium zusammen. Es setzt sich aus dem Kreis um Ebelin Bucerius, Marion Gräfin Dönhoff, Karl Klasen, Reinhard Mohn, Hans Hermann Münchmeyer, Peter Sweerts-Sporck, Rolf Stödter und Diether Stolze zusammen. Anfangs ist die Stiftung dazu gedacht, die Unabhängigkeit der beiden Blätter DIE ZEIT und Wirtschaftswoche zu sichern. Das Kuratorium arbeitet wie ein Aufsichtsrat, um die Zukunftsfragen der Blätter, wie Anzeigen, Auflage und Markt-stellung, zu begleiten. Das vordergründige Ziel heißt dabei die Sicherung der ZEIT, da die Wirtschaftswoche bald verkauft wird. Die Anfänge des Stiftungsgeschäfts sind naturgemäß klein. Es entwickelt sich zu Bucerius’ Lebzeiten in den ersten 25 Jahren sukzessive weiter mit punktuell großem Engagement. Die Stiftung wird nach seinem und seiner Frau Ebelins Tod Alleinerbe. In den folgenden 25 Jahren nach seinem Tod im Jahr 1995 breitet die Stiftung ihren finanziellen und fördernden Ak-tionsradius weiter aus.Aber kehren wir noch einmal zu Gerd Bucerius zurück. Er war nicht nur An-walt, Politiker, Unternehmer und Stifter. Seine erste Leidenschaft, die er sich bis zum Schluss erhielt, war das Schreiben. Zu seinem 70. Geburtstag 1976 bescheinig-te Marion Gräfin Dönhoff Bucerius in ihrem Essay mit dem schönen Untertitel „Aus Untergangsvisionen bezieht er Kraft“ neben schneller Geistesauffassung, Passion, Mut und Überzeugungstreue sowie der Kehrseite mit sprunghafter Spontanität und rechthaberischer Dickköpfigkeit noch eines: die Leidenschaft des Schreibens. Bucerius wollte zu dieser Zeit seinen Job als ZEIT-Verleger gerne abgeben, aber: „Niemals los werden Sie mich als Schreiber, da behalte ich mir alle Rechte vor. Ihr Buc.“ Dönhoff brachte viel Kraft auf, um ihren schreibenden Verleger zu erziehen. Und oft mit Erfolg, wie Bucerius anerkannte. Der Leser konnte sich oft bei „Gerd Bucerius zu Fragen der Zeit“ sein Bild vom Verleger machen. Josef Müller-Marein, ZEIT-STIFTUNG EBELIN UND GERD BUCERIUSWer war ihr Begründer und Begleiter? Der Verleger und Stifter Gerd Bucerius (1906 – 1995)
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