ne kulturelle und soziale Basis hat. Zivilgesellschaftliches Handeln spielt hier eine ganz entscheidende Rolle. Entzieht sich der Staat nicht seiner Verantwortung, wenn er der Zivilgesellschaft aufbürdet, für einen le-benswerten ländlichen Raum zu sorgen? Natürlich kann Zivilgesellschaft nicht alleine eine Trendwende herbeifüh-ren und beispielsweise die Lücken füllen, die der staatlich-kommunale Rückzug aus einigen Bereichen der Daseins-vorsorge hinterlassen hat. Die Bereitstellung elementarer Infrastrukturleistungen bleibt eine hoheitliche Aufgabe, da kann sich der Staat nicht aus der Verantwortung zie-hen. Aber gebraucht wird eine neue Balance aus staatli-chen Leistungen, engagiertem kommunalen Handeln und zivilgesellschaftlichem Engagement. Brauchen wir auch eine neue Form der Kooperation zwi-schen Stadt und Land? Es gab in den 2000er- und 2010er-Jahren erste Versuche, Stadt-Land-Partnerschaften zu etablieren, um einen Interessenausgleich von Stadt und Land herzustellen. Die durchgeführten Modellprojekte waren aber nicht sonderlich erfolgreich, es kam nicht zu einer dauerhaften Institutionalisierung von Stadt-Land-Kooperationen. Ein positives Beispiel lässt sich mit den Agglomerations-Programmen in der Schweiz finden. Die Idee ist so einfach wie bestechend: Der Schweizer Bund stellt Regionen nur dann Infrastruktur-Mittel zur Verfü-gung, etwa für den Ausbau einer S-Bahn, wenn sich städti-sche und ländliche Gebietskörperschaften auf ein ge-meinsam getragenes integriertes Siedlungs- und Infra-struktur-Programm verständigt haben. In der Region Köln-Bonn hat man die Grundidee mit der Erstellung eines informellen Agglomerationskonzeptes aufgegriffen. Aus meiner Sicht ist das dann erfolgreich, wenn ein regionaler Konsens über gemeinsame Projekte in einem partner-schaftlichen Stadt-Land-Verbund erzielt wird.Ein Vorbild für Gesamtdeutschland? Ich glaube, wenn der Staat zukünftig verstärkt solche Projekte fördern würde, die regional abgestimmt sind zwischen Großstädten und ihrem näheren und weiteren Umland, wäre viel erreicht. Nur auf diese Weise kann die unselige interkommunale und interregionale Konkurrenz und das immer noch ver-breitete Gegeneinander statt Miteinander überwunden werden. Kollektiv erreicht man viel mehr.Dazu braucht es eine andere Haltung. Definitiv. In der Re-gion Köln-Bonn war Vertrauensbildung ein wichtiger ers-ter Schritt. Viele interkommunale Verbünde sind in der Vergangenheit gescheitert, weil Misstrauen dominierte und Angst vor Trittbrettfahrern und verdeckten Agenden der Nachbarkommunen vorherrschte. Durch Vertrauens-bildung wurde in der Region Köln-Bonn vieles erreicht, was vorher kaum denkbar war. Wir sind bei der interkommuna-len Kooperation aber noch längst nicht da, wo wir eigent-lich stehen müssten. Dabei ist das aus meiner Sicht ein ganz wichtiges Instrument, auch ländliche Räume zu stär-ken. Ohne Kooperation, ohne Bündelung der Kräfte, ist es völlig aussichtslos, wichtige Aufgaben wie die Anpassung an den Klimawandel, die Transformation der Energiesyste-me oder den Umbau der regionalen Verkehrsinfrastruktur auf den Weg zu bringen. Dafür verfügen viele Kommunen im ländlichen Raum nicht über die erforderlichen Verwal-tungskapazitäten. Hier muss der Staat durch kluge Förde-rung mehr Anreize setzen für Zusammenarbeit über Ge-meindegrenzen hinaus.Wie beurteilen Sie die derzeitigen politischen Bemühun-gen, die Stadt-Land-Disparität weiter abzubauen? Ich sehe zumindest Ansätze in die richtige Richtung. Es gibt derzeit klare politische Signale, dass man für struktur-schwache ländliche Räume einstehen und die bestehen-den Förderprogramme besser koordinieren und vernetzen will, denn bisher sind diese extrem fragmentiert und wir-ken nicht konzertiert. Die Notwendigkeit, darin besser zu werden, hat der Bund erkannt. Genauso wird mehr und mehr verstanden, dass die Menschen an der Entwicklung ihrer Region und Gemeinde teilhaben wollen. Hier geht es um nichts Geringeres als Selbstwirksamkeitserfahrungen, was auch ein Beitrag zur Stärkung der Demokratie wäre.Was fehlt, ist allerdings noch ein gemeinsames Ver-ständnis von gleichwertigen Lebensverhältnissen. Das ist in der Tat ein Problem. Es gab in der Raumordnungspoli-tik immer wieder Diskussionen über Mindeststandards. Etwa zu der Frage, wie lange ein Schulkind im ländlichen Raum auf dem Weg zur Grundschule unterwegs sein darf. Was ist da noch zumutbar? Die Politik hat sich dieser Dis-kussion immer wieder entzogen, auch weil sie Angst vor einklagbaren Forderungen hat. Das ist ein Dilemma. Wir haben zwar ein sehr offenes Verständnis davon, was gleichwertige Lebensverhältnisse sein können, was noch zumutbare und nicht mehr zumutbare Infrastruktur-Ver-sorgungsniveaus anbetrifft. Gleichzeitig aber auch eine Skepsis von Politik und Verwaltung, hier für mehr Verbind-lichkeit zu sorgen.Was muss passieren, um trotzdem zu einem Konsens zu kommen? Ich fände eine breite gesellschaftliche Debatte über Mindeststandards hilfreich. Die Bürgerinnen und Bürger verstehen durchaus, dass nicht überall ein Bus fah-ren kann und Grundschulen in fußläufiger Entfernung vorgehalten werden. Vielleicht denken wir also über kluge digitale Lösungen wie etwa eine Kombination von Prä-senzunterricht und Online-Schooling nach. Wege zur fachärztlichen Versorgung lassen sich mit telemedizini-schen Angeboten teilweise vermeiden. Hier wünsche ich mir mehr Regellösungen als nur Modellprojekte. Dafür braucht es auch politischen Willen und Mut.19ZEIT-Stiftung
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