Seine Leidenschaft gilt dem digitalen Wandel, und wie er auf Gesellschaft, Wirtschaft und Politik wirkt: Götz Hammann ist bei der Wochenzeitung „DIE ZEIT“ verantwortlich für die digitale Edition (ZEIT App), zuvor war er nach Stationen bei der FAZ und der FTD Redakteur und stellvertretender Ressortleiter im Wirtschaftsres-sort der ZEIT. Der gebürtige Lüdenscheider wurde mehrfach mit Journalisten-Preisen ausgezeichnet und berät das Bucerius Lab der ZEIT-Stiftung.Die uralte Beziehung von Stadt und Land lebt vom Streit, wo das Leben besser ist. In Berlin oder am Bodensee? In München oder in Lückendorf? Wo gibt es Arbeit, und wo sollen die Kinder aufwachsen? Welcher Ort bietet mehr Chancen und welcher mehr Freiheit? Kurz gesagt: Wer ist die Schöne und wer das struppige Biest.Corona hat zuletzt den Blick auf die Großstadt ver-ändert, und damit sind Orte gemeint, in denen mehr als 100.000 Menschen leben. Diese Städte waren auf einmal leer und grau: die Theater und Bühnen geschlossen, die Cafés, Restaurants und all die Geschäfte, die eine große Stadt ausmachen. Auch im Sommer 2022 ist es noch zu spüren, und nicht vergessen, dass die Schleswig- Holsteiner den Hamburgern in der ersten Welle der Pande-mie verboten hatten, an die Ostsee zu fahren. Wenig spä-ter durften die Hamburger abends nur noch auf die Stra-ße, wenn sie einen Hund besaßen – oder arbeiten gingen.Die vergangenen Jahre haben insofern eindrucksvoll gezeigt, dass Metropolen in Pandemien zu Hochrisikozo-nen werden und an Lebensqualität einbüßen. Dem Erfolgsmodell Stadt wurde seine Dichte zum Verhängnis, und mehr Menschen als zuvor entschlossen sich, dieser Enge zu entfliehen – oder sie gleich ganz zu meiden. Immo-bilienpreise im Umland der großen Städte schnellten nach oben, und noch in 100 Kilometern Entfernung suchten Städter eine Zuflucht oder gleich eine neue Heimat. Das wirkte sich sogar auf jene Gruppe aus, die vor allen ande-ren in die Städte ziehen: junge Erwachsene vom Land. 2020 sind es deutlich weniger gewesen als in den Jahren und Jahrzehnten zuvor, das belegen Zahlen des Statisti-schen Bundesamts. Landleben ist mithin ganz schön sexy geworden, und das ist etwas, das vor Corona kaum vorstellbar war. Nur wird diese Entwicklung von Dauer sein? Einer der re-nommiertesten Soziologen im Land, Heinz Bude, hält das für möglich: „Es gibt ein neues Bedürfnis nach Mikro-Hei-mat, und das zentrale Element der Mikro-Heimat ist das ei-gene Haus – also etwas sehr Konservatives.“ Aber so etwas können sich viele Menschen eben nur am Stadtrand oder auf dem Land leisten. „In den nächsten 30 Jahren geht es mehr um Schutz und weniger um Freiheit. Deshalb suchen Menschen einen sicheren, überschaubaren Ort“, sagt Bude.Wie anders wurde noch vor der Pandemie über das weite Land, die Provinz, die periphären Räume gesprochen. Sie galten eher als Krisengebiete denn als Sehnsuchtsorte. Und das hatte und hat noch immer seine Gründe. 9ZEIT-Stiftung
<
Page 8 |
Page 10 >